75 Jahre Theater in Marburg: ein Fahrrad als Geschenk

Am 2. September 1945 hob sich erstmals wieder nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein Theatervorhang in Marburg. Der Germanistikstudent Lothar Brixus und die Schauspielerin Ina Köhler wollten den nach Kultur sich sehnenden Marburgern wieder Hoffnung nach dem Grauen des Krieges geben. „Menschenskind, lass uns doch Theater spielen!!“, die Idee war geboren und die noch kleine Theatertruppe eröffnete mit „Totentanz“ von Alois Johannes Lippl die Theatergeschichte in Marburg. Schnell vergrößerte sich die Schauspieltruppe. Der Schauspieler Lutz Schwiers mit seiner Tochter Ellen Schwiers stießen hinzu und am 1. September 1947 wurde die „Theatergemeinde Marburg e.V.“ in dem Vereinsregister beim Amtsgericht Marburg eingetragen.

Das „Marburger Schauspiel“, unterstützt durch die Stadt Marburg, war also amtlich. Auf den ersten Intendanten Walter M. Holetzko folgte aus Osnabrück Heinrich Buchmann im Jahr 1949, der über Jahrzehnte hin bis 1976 das Theatergeschehen in Marburg maßgeblich gestaltete. Zu Beginn seiner Intendanz fielen auch die Inszenierungen von Erwin Piscator, der in Marburg zur Schule ging und dem Nationalsozialismus in die USA entkam. Von dort kam er 1951 zurück an das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. In Hamburg konnte die Theatergemeinde Marburg Erwin Piscator gewinnen für eine Gastregiearbeit mit Lessings „Nathan der Weise“. Piscator war inzwischen bekannt für seine Bühnengestaltung, nämlich weg von der „Guckkastenbühne“ hin zum „zentralen Arenatheater“, das das Publikum mit einbezog in die Inszenierung.

1969 wurde in Marburg die Stadthalle gebaut, das Erwin Piscator Haus. Endlich gab es eine Bühne, auch wenn diese Bühne den Charme einer Stadthalle hatte. Auf Buchmann folgte Intendant Peter Schlapp von 1976 bis 1979 bevor dann Franzjosef Dörner bis 1991 die Geschicke des Marburger Schauspiels leitete. Dieser setzte Schwerpunkte in der experimentellen Moderne mit „Bremer Freiheit“ von Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz „Mensch Meier“, „Bezahlt wird nicht“ von Dario Fo, oder „Andorra“ von Max Frisch.

Allerdings sah er auch die Mängel des Theaters in Marburg, die nicht besonders theatertaugliche Stadthalle, der seit Jahren praktizierte en-suite-Spielplan, aber auch in den sich ändernden Publikumsinteressen.

Zusammen mit der Stadt Marburg, den Landtagsabgeordneten aus Marburg setzte sich Dörner für die Gründung einer Landesbühne ein. 1990 übernahm das Land Hessen und die Stadt Mar-burg von der „Theatergemeinde Marburg“ das „Marburger Schauspiel“ in gemeinsamer Träger-schaft unter der Bezeichnung „Nordhessisches Landestheater“.

Das Theater war nun auf feste Füße gestellt und mit Intendant Ekkehard Dennewitz und Oberspielleiter Peter Radestock begann die erfolgreiche Zeit des Theaters in Marburg mit dem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendtheater, das damals Anfang der 90er Jahre keinesfalls schon überall an den deutschen Bühnen etabliert war.

1998 stellte man fest, dass es in Hessen nur das Nordhessische Landestheater gab und folgerichtig hieß das Theater in Marburg nun Hessisches Landestheater Marburg. Neben der Stadthalle, dem Erwin-Piscator-Haus, konnte das HLTM in dem umgebauten ehemaligen Offizierskasino am Schwanhof mit zwei kleinen Spielstätten eine Heimat finden, dem Theater am Schwanhof (TASCH).

Auf Ekkehard Dennewitz folgte 2010 Matthias Faltz und nun seit der Spielzeit 2018/2019 hat das HLTM die erste weibliche Doppelspitze, nämlich die Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser.

Seit 1994 unterstützt das HLTM ideell und materiell der Freundeskreis des Hessischen Landestheaters mit inzwischen ca. 350 Mitgliedern.

Den Geburtstag feierte das HLTM mit einem Festakt am 27. September 2020 im Erwin-Piscator-Haus. Die Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn würdigte grundsätzlich die Bedeutung von Theater für unsere Gesellschaft und deren demkratischer Grundlage. Oberbürgermeister Spies hob die Leistungen des HLTM in seiner 75 jährigen Geschichte für die Stadt und den Landkreis hervor. Die Tochter des langjährigen Intendanten Buchmann, Dorothea Buchmann-Ehrle, schilderte den Vater in persönlichen Erlebnissen als Vollblut-Theaterleiter.

Der Freundeskreis des Hessischen Landestheater Marburg überbrachte durch seinen 1. Vorsitzenden Jürgen Bandte ein besonderes Geburtstagsgeschenk. Als Landestheater muss das HLTM ständig mobil sein, nicht nur bei Auftritten über Land, sondern auch in Marburg. Deshalb überreichte der 1. Vorsitzende eine E-Radkutsche Modell Rapid, 8 Gang, Scheibenbremsen, 11 Ah-Akku. Damit kann nun das HLTM radelnd für sich werben. Die Höhenzüge in und um Marburg herum stellen kein Hindernis mehr dar.

Die Wienerin Anah Filou, die erste Stadtschreiberin von Marburg, die den Auftrag hat, zum 800. Stadtgeburtstag im Jahr 2022 für das HLTM ein Stück über Marburg zu schreiben, sandte 75 Glückwünsche an das HLTM und gab damit eine erste Kostprobe ihres Könnens.

Zum Schluss des Festaktes wurde der Preis der Deutschen Theaterverlage 2019 an das Hessische Landestheater Marburg verliehen. Die ursprüngliche Verleihung im März 2020 war Corona zum Opfer gefallen. Mit dem Preis lobte die Jury das HLTM mit seinen Intendantinnen Eva Lan-ge und Carola Unser für die außerordentliche kommunikative Neugier, die ansteckende Begeis-terungsfähigkeit, den Teamgeist und die flachen Hierarchien mit denen sie in kürzester Zeit ein facettenreiches und ambitioniertes Programm entwickelt haben.

Anschließend gab es dann auch Theater, nämlich Ödön von Horvath „Glaube Liebe Hoffnung“ in der Inszenierung von Eva Lange.

Happy Birthday Hessisches Landestheater Marburg!

 

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