Auftritt Volk. Eine Bürgerbühne für ALLE Sparten- Fachkongress 8.-10. November 2013 am Nationaltheater Mannheim

Bürgerbühnen als kulturpolitische Notwendigkeit
kongress-buergerbuehneDass Bürgerbühnen bzw. partizipative Angebote an Theatern eine „Kulturpolitische Konsequenz zur Reform der Darstellenden Künste“1 sind – darüber herrschte Konsens beim zweiten Bürgerbühne-Fachkongress, der Anfang November am Nationaltheater Mannheim stattfand. Internationalität und Interkulturalität, Formen- und Strukturvielfalt sowie Interdisziplinarität sind notwendig, damit sich die Wirklichkeit einer Stadtgesellschaft auch in Zukunft im Theater widerspiegelt, sich die Bürger auch im 21. Jahrhundert im Theater repräsentiert fühlen.


Überall in der deutschen und europäischen Theaterlandschaft lässt sich bereits die strukturelle Einbettung von Bürgerbühnen in Stadt- und Staatstheater vermehrt beobachten, entsprechend groß ist in der Fachwelt das Interesse am Thema: Ca. 90 Theater- und Spartenleiter, festangestellte und freischaffende Regisseure, Dramaturgen, Theaterpädagogen, Studierende aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark nahmen am Mannheimer Kongress teil.

Suche nach neuen Ästhetiken
Über das „Ob“ brauchte man sich also nicht mehr zu streiten, aber das „Wie“ war und bleibt Gegenstand vieler Diskussionen, will eine Bürgerbühne doch mehr sein als reines Audience Development. Vielmehr gilt es zu ergründen, welche Spielweisen dem Bürger möglich sind, welche neuen Kunstformen mit nicht ausgebildeten Darstellern zu finden sind.
Denn „der Stress des Angeschautwerdens erfordert Robustheit“2, die ein Laie nie erlernt hat, und die Gefahr des Scheiterns ist immer dann groß, wenn die Teilnehmer in Spielweisen gedrängt werden, in denen sie Schauspielern unterlegen sind. Daher liegt es in der Verantwortung von Bürgerbühne-Regisseuren, dem Bühnenbürger „Überlebensstrategien“ mit an die Hand zu geben, in denen gleichzeitig eine ganz eigene ästhetische Qualität liegt.
Eine dieser spezifischen Qualitäten ist sicherlich die Authentizität, weswegen Bürgerbühne-Produktionen häufig dokumentarisch-biografischer Natur sind. Aber auch die Authentizität dürfe nicht zum ästhetischen Dogma werden, zumal, so Bernd Stegemann, Kunst bedeute zu verfremden und zu verzaubern, das Interessante könnte z.B. im Oszillieren zwischen dem, was dem Spieler passiert und kunstvoller Verformung liegen.

Beispiel Community Dance
Auch Royston Maldoom vertrat in seinem Vortrag die These, dass die Arbeit an der Kunst immer im Vordergrund zu stehen habe. Die Bereicherung, die der Kunst im Community Dance entstehe, liege in der Arbeit mit den unterschiedlichsten Menschen, die ihr ganz eigenes Bewegungspotential gemäß ihrer Physis in die Produktionen einbringen.

Erfahrungsaustausch mit Kollegen aller Sparten
In Tischgesprächen3 wurde festgehalten, dass immer geprüft werden müsse, welches Konzept welches Expertentum erfordert, so seien Lebenswirklichkeiten v.a. bei Sprechtheater-Produktionen ein Kriterium, im Musiktheater könne dies wiederum ganz anders aussehen.
Dem Musiktheater ist bei partizipativen Projekten die Entwicklung der musikalischen Wahrnehmungsfähigkeit der Teilnehmer ein wichtiges Ziel. Häufig arbeitet man hier bereits mit Chören oder geräuschhaften Anordnungen. Ein Ideal wäre situatives Musizieren, bei dem die Musik notwendige Konsequenz aus der Szene ist. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht der Gedanke einer Öffnung der Gattung für neue Formen, neue Stoffe, neue Klänge, neue Kompositionen, neue Orte.
Für Bürgerbühne-Produktionen lasse sich kein Dogma festlegen, weder was die Form noch was die Stoffe betrifft, vielmehr sei es die Entscheidung eines jeden einzelnen Regisseurs, welche Fragestellungen mit welchen Mitteln er mit seinen Spielern auf der Bühne verhandelt. Auch wenn der leitende Künstler die Verantwortung für seine Spieler trage und inszenatorisch für ihren Schutz sorgen müsse, dürfe er nicht darauf verzichten, seine Spieler herauszufordern – Theater darf auch wehtun!
Auf Bernd Stegemanns eingangs gestellte Frage, was es für eine Gesellschaft heißt, wenn sie das Format Bürgerbühne faszinierend findet, wurde unter den Kollegen der Verdacht formuliert, dass es eine Sehnsucht nach Arbeitsweisen gebe, wie sie im Rahmen von Bürgerbühne-Produktionen praktiziert werden. Hier spielt u.a. der Prozess eine große Rolle, der wiederum dazu beiträgt, dass das später auf der Bühne Verhandelte für die Spieler eine Relevanz hat. Glückt dies, ist der zuvor gemachte Prozess auch dem Zuschauer als ästhetischer Mehrwert spürbar.

Ausblick
Der Diskurs über Bürgerbühne-Produktionen steht noch am Anfang; der Wunsch nach Austausch, nach Kriterien für eine Kritik des Theaters mit Bürgern, nach einer Qualitätsdebatte wurde formuliert. Ein Schritt in diese Richtung ist das internationale Festival der Bürgerbühnen, das maßgeblich von der Kulturstiftung des Bundes unterstützt wird und erstmals im Mai 2014 am Staatsschauspiel Dresden und im Folgejahr am Nationaltheater Mannheim stattfinden wird.

Das SWR2 Forum „Avanti Dilettanti. Was bringt Bürgerbeteiligung im Theater?“, das am 9.11.13 mit Burkhard C. Kosminski, Dr. Peter Kurz und Winfried Schulz im Rahmen des Kongresses stattfand, kann nachgehört werden unter http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/rueckschau/-/id=660194/nid=660194/did=12177310/1ytglpi/index.html
 

1 Auftaktvortrag I, Prof. Wolfgang Schneider, Des Bürgers Bühne? Eine kulturpolitische Konsequenz zur Reform der Darstellenden Künste

2 Auftaktvortrag II, Prof. Bernd Stegemann, Wenn wir alle Theater spielen, was arbeitet dann eigentlich der Schauspieler?

3 Tischgespräche nach Sparten: Sprechtheater (Leitung Miriam Tscholl), Tanz (Leitung Kerstin Tölle), Kinder- und Jugendtheater (Leitung Barbara Kantel), Musiktheater (Leitung Dorothea Hartmann)

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